Wir blicken auf einen der berühmtesten und zugleich geheimnisvollsten Wandteppiche der frühen Renaissance: Es ist der letzte aus der sechsteiligen Tapisserie-Serie „Dame mit Einhorn“, Anfang des 16. Jahrhunderts in Flandern gewoben aus Wolle und Seide.
Die ersten fünf Gobelins stellen die fünf Sinne dar (Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tasten), bei der Deutung des Inhalts des sechsten mit der rätselhaften Aufschrift „À mon seul désir“ (Mein einziger Wunsch) gehen die Interpretationen auseinander. Viele sehen darin den Übergang von sinnlicher Liebe zu geistiger oder selbstbestimmter veranschaulicht, manche die Allegorie freier Willensäußerung. Das Einhorn zur Rechten steht für Reinheit und Spiritualität, der Löwe zur Linken für Stärke und Mut.
Ich habe die zwei ursprünglich dargestellten Personen, Dame und Zofe, vor dem prachtvollen Zelt ersetzt durch eine Frau mit Handspiegel aus einer anderen bekannten Tapisserie, nämlich dem Teppichzyklus der Apokalypse, entstanden um 1380.
Die Frau blickt in den Spiegel, sich (auch) als Amazone erkennend. Zwei Texte sind also in diesem Bild zu lesen: „À mon seul désir“ und „Gewöhnliche Frau und Amazone. Ich bin all dies zum Teil, aber nichts davon vollständig“.
Der rote Hintergrund der Original-Tapisserie wurde von mir gegen den Sternenhimmel des Mausoleums der Kaiserin Galla Placidia, erbaut um 425, ausgetauscht. Das Gebäude gehört mit anderen byzantinischen Bauten in Ravenna seit 1996 zum UNESCO-Welterbe.
Die Bordüre meiner Collage entstammt der Wandteppichserie „Szenen aus dem Buch Tobias“, Teil einer Brüsseler Tapisserie aus 1540.














