Art piece
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Wien Museum, Katalog
„Wissen für alle. ISOTYPE - die Bildsprache aus Wien“, 2025
Hirmer Verlag GmbH, München
ISBN 978-3-7774-4693-6

Wilfried Gerstel
Zahlen, Zeichen, Menschenliebe

Textauszug:
(…) In meiner Wahrnehmung überstrahlt bei Otto Neurath eine besondere Eigenschaft viele andere, nämlich seine Resilienz, also seine ausgeprägt lebensmutige Haltung und seine Fähigkeit, sich von Schicksalsschlägen nicht aus der Bahn werfen zu lassen und alle Krisen und Katastrophen scheinbar ohne dauerhafte Beeinträchtigung zu überstehen. Fast unfassbar scheint mir, wie viele Rückschläge und Schicksalsschläge Neurath in seinem Leben hinzunehmen hatte und wie er diese überstanden und gemeistert hat.

Denn Schicksalsschläge gab es viele. Anna Schapire-Neurath, seine erste Frau, starb 34-jährig bei der Geburt des gemeinsamen Sohnes Paul. Seine zweite, blinde, Frau, Olga Hahn-Neurath, starb an ihrem 55. Geburtstag.
Neuraths kurzes Wirken ab 1919 als Präsident des Zentralwirtschaftsamtes in München wurde jäh beendet durch eine Anklage wegen „Beihilfe zum Hochverrat“, nach mehrwöchiger Untersuchungshaft kam es zu seiner Verurteilung, mehrere Monate später wurde er nach Österreich abgeschoben. 1921 übernahm er die Leitung des Österreichischen Verbandes für Siedlungs- und Kleingartenwesen, die er bereits 1925 zurücklegen musste. Von da an war er Direktor des neugegründeten Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseums, dies bis zu seiner Flucht vor dem austrofaschistischen Regime im Jahr 1934 in die Niederlande. Viele Ausstellungsexponate des Museums fielen damals einem Brand aus ungeklärter Ursache zum Opfer. Der existenzielle Neuanfang und die folgenden Jahre in den Niederlanden waren von finanzieller Not geprägt. In Den Haag setzte er sein bildpädagogisches Arbeiten unter dem neuen Titel „Isotype“ fort. Kurze Aufenthalte führten ihn nach Amerika, wo in New York das Buch „Modern Man In The Making“ verlegt wurde. Wegen des Kriegsausbruchs 1939 kehrte er überstürzt aus den USA in die Niederlande zurück, von wo er 1940 Hals über Kopf gemeinsam mit Marie Reidemeister, seiner späteren dritten Frau, vor der nationalsozialistischen Invasion nach England flüchtete.
(…) Welch ungeheure Kraft, dies alles zu überstehen – wohl auch mit Hilfe seines unerschütterlichen Optimismus und seines Humors. (…)

(…) Eine weitere in meiner Wahrnehmung herausragende menschliche Eigenschaft ist Neuraths Bestreben, auch die einfachen Menschen zu bilden und damit zu politisch Denkenden zu machen. Für mich ist es Zeichen großen menschlichen Einfühlungsvermögens, sich nicht nur mit anderen akademisch Gebildeten im Elfenbeinturm der Wissenschaft austauschen zu können, sondern seine Ideen auch weniger gebildeten Menschen verständlich zu machen. Dafür brauchte es jedoch eine andere als eine Fachsprache, aus diesem Grund entwickelte Neurath mit seiner Zeichensprache der Wiener Methode der Bildstatistik einen niederschwelligen Zugang zu sozialem, ökonomischem und politischem Wissen. (…)

(…) Aber warum prägen sich Neuraths Schautafeln und ihre Piktogramme so gut ein? Er hat hier wohl auf intuitive Weise bereits erkannt, was in den letzten Jahrzehnten durch die Ergebnisse der Hirnforschung erklärbar wurde: Wir sehen gern Bilder, weil sie im Vergleich zu Texten wesentlich einfacher wahrzunehmen, zu verarbeiten und zu speichern, also leichter zu erfassen, sind. Das Gehirn verarbeitet Bilder um ein Vielfaches schneller als Text. Sie wirken direkt in den visuellen Zentren des Gehirns und müssen nicht entschlüsselt werden wie Texte. Besser als beim Lesen mehrerer Sätze genügt uns oft eine einzige Illustration, um den Kern einer Botschaft zu erfassen. Besonders mühelos nehmen wir Bilder auf, wenn sie Bekanntes darstellen. So sagte schon Otto Neurath auf seine pointierte Art: „Der Mann hat zwei Beine, das Bildzeichen hat zwei Beine, aber das Wort „Mann“ hat nicht zwei Beine.“ (…)

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