Walter Titz
Zeichen und Wunder
Was ist denn hier los? Eine Frau im sexy (darf man das so sagen?) Outfit in den eindeutig codierten Farben Rot-Blau-Weiss (“America first!”) schlingt ihr goldenes Lasso um eine durchsichtige Kugel, in der es stürmisch zugeht. In der Ecke links oben sitzt in einem Ozonloch(?) eine kleine männliche Figur und sieht der dynamischen “action” zu. Verblüfft? Amüsiert? Ratlos? Entsetzt? Welche Zeichen und Wunder zeigen sich ihm und uns im nahezu quadratischen Tableau?
“Wunsch” nennt Wilfried Gerstel das beschriebene Bild, eines aus seiner seit 2009 wachsenden Serie digitaler Collagen mit dem Titel “Gedanken einer Amazone”. Ihre Protagonistin ist Diana alias Diana Prince vulgo Wonder Woman. Gerstel hat sie aus einer der erfolgreichsten Comicreihen aller Zeiten entlehnt, deren erste Story 1941 erschien. Frau Prince, im irdischen Tarnberuf Sekretärin in der US-Army, ist eigentlich eine Amazonenprinzessin mit Superkräften. Und eine der spannendsten Figuren des Comic-Universums. Wie ihr Schöpfer William Moulton Marston. Psychologe, Autor, Feminist, Sadomaso-Praktikant und mehr. Aber das ist eine andere Geschichte, umfassend nachzulesen in diversen Publikationen und Wikipedia.
Zurück zum “Wunsch” und den dort zu sehenden Zeichen und Wundern. Kunstaffine Betrachterinnen und Betrachter werden schnell erkannt haben, dass nicht nur die zentrale Figur eine Leihgabe ist, sondern auch das Ambiente. Es ist als “Die Erschaffung der Welt” oder auch “Die Schöpfung” Teil von Hieronymus Boschs Triptychon “Der Garten der Lüste”. Bosch hat die Szene auf die Hinterseiten (oder sind es die Vorderseiten?) der beiden Flügel seines dreiteiligen Geniestreichs gemalt.
Wer noch genauer hinsieht, stellt fest, dass auch der Inhalt der Weltkugel verändert ist. Statt des dritten Tags der Schöpfungsgeschichte (auf der Erdscheibe sind Wasser und Land geschieden, erste Pflanzen wachsen) lässt Gerstel die Wogen hochgehen, die Gischt spritzen. Ein Elementarereignis, wie es nur William Turner gemalt haben kann. Teile des Bosch-Originals sind rechts oben und unten einmontiert. Und was sagt WW dazu? “Die Wahrheit mag bisweilen untergehen, aber nie ertrinken.”
Die Wahrheit. WW-Kenner wissen, dass die Wahrheit sagen muss, wer vom goldenen Lasso der Wunderfrau umschlungen ist. Welche Wahrheit will WW der gefangenen Kugel entreissen? Was verschweigt diese uns bzw. was hat sie uns zu sagen? Welche Bedeutungen stecken in bzw. hinter den Zeichen, die uns von Gerstel in hochästhetischer Auflösung geboten werden?
Wir sehen: die “Gedanken einer Amazone” stecken voller Fragen. Und das ist gut so. Kunst, die Antworten gibt, wird sehr bald sehr langweilig. Und um Kunst, die behauptet, die Wahrheit zu kennen, sollte man ohnedies einen großen Bogen machen. Wie um alles Andere, das auf dem Slogan “Wir sind Wahrheit” beharrt. Im Sinne einer Erkenntnis des österreichischen Physikers, Kybernetikers und Philosophen Heinz von Foerster: “Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners.”
(A propos Wahrheit. Dass der Psychologe William Moulton Marston, der Erfinder von Wonder Woman, auch der Erfinder des Lügendetektors sei, ist bestenfalls die halbe Wahrheit. Einen sogenannten Polygraphen entwickelte bereits 1913 an der Grazer Universität der Experimentalpsychologe Vittorio Benussi. Und das nach schon vorher publizierten Überlegungen von Carl Gustav Jung und Max Wertheimer. Marston, eine zweifellos schillernde, romanreife Persönlichkeit, konnte diesbezüglich auf solider Basis weiterarbeiten.)
Wilfried Gerstels Amazonen-Zyklus stellt also Fragen. Die das (nicht hochnotpeinlich) befragte Publikum beantworten darf. An ihm ist es, die Zeichen und Wunder zu entziffern. Die in Sprechblasen gepackte Zusatzinformation weist Wege, lässt aber das Abbiegen in unterschiedlichste Richtungen zu.
Gerstel bedient sich der bewährten Technik der Comics, zeigt aber im Bild “Ist dein Mund rot, um hold zu sein?”, dass es ähnliche Methoden der Informationserweiterung bereits in der Malerei des Mittelalters gab.
Tatsächlich hat das Miteinander von Bild und Text eine lange Tradition. Wie das Nachdenken darüber, ob die Behauptung “Ein Bild sagt mehr als tausend Worte” wirklich zutrifft. Ob also Inhalte ausschließlich mit Hilfe von nichtsprachlichen Zeichen vermittelt werden können. Oder letztlich nicht doch eine Übersetzung in Sprache notwendig ist, ganz automatisch passiert. Verkehrsschilder und Piktogramme geben zwar klare Informationen, sind aber stets Sprache: “Stopp!”, “Vorrang”, “Nachrang”, “Fahrverbot”, “Radweg” etc.
Im Bereich der bildenden Kunst sind Beschreibung und Interpretation wohl unumgängliche Werkzeuge der Annäherung. Wilfried Gerstels WW-Bilder eröffnen diesbezüglich (wie schon gesagt) ein weites Feld. Man kann dieses Feld auf formalen und inhaltlichen Pfaden begehen, auf kunst- und kulturhistorischen Wegen beschreiten, im gesellschaftspolitischen Diskurs erschließen. Prinzessin Diana ist ein idealer Katalysator für ein schillerndes Spektrum an Bedeutungen. Auch wenn man die comic-literarischen Hintergründe nicht kennt, wird WW in den von Wilfried Gerstel geschaffenen neuen Kontexten für zahlreiche Irritationen und Anregungen sorgen.
Manchmal ist Wilfried Gerstel deutlicher. Das heißt nicht, dass er dann Wahrheiten verkündet, aber die Gedanken WWs konkreter formuliert. Wenn auch in verschlüsselter Form. “Rakete”, eines der jüngsten Bilder der Serie, transportiert einen solchen Gedanken. WW ist hier kaum sichtbar, dank der Sprechblase aber auffindbar. Deren Inhalt: die Koordinatenangaben eines Ortes. Recherchen ergeben: es handelt sich um die Abschussrampe der Blue Origin-Rakete von Amazon-Gründer Jeff Bezos in der Wüste von Texas. Der Mauervorsprung, von dem aus WW ihre Ortsangabe macht, ist Teil des Turms von Babel, wie ihn Pieter Bruegel gemalt hat. Ist man in der Dechiffrierung der Zeichen soweit, liegt auf der Hand, welche menschliche Schwäche ins Visier genommen wird: Hybris. Jenes Allmachtsgefühl, das man natürlich auch als Stärke definieren kann.
Wilfried Gerstels um Wonder Woman kreisende Bilder erzählen in Summe immer wieder von diesem janusköpfigen Menschheitsaspekt, der vielleicht der Schöpfung ein dem Urknall ebenbürtiges Ende setzen wird. Der aber vermutlich auch für jene Zeichen und Wunder verantwortlich ist, welche in den Collagen auf virtuos-originelle Art und Weise in neue Korrespondenzen gebracht werden.
Kehren wir noch einmal zum “Wunsch” zurück. Gott beobachtet also im Original des Hieronymus Bosch aus der Ferne sein “work in progress”. Es ist, wir erinnern uns, der dritte Tag. Wir wissen: öffnet man die Flügel, erblickt man die Vision einer Welt nach dem göttlichen Big Bang. Mit all ihren Sonn- und Schattseiten. Zeichen und Wunder sonder Zahl entfalten ihre Pracht, aber auch tiefste Abgründe tun sich auf. Wir schauen das Paradies und die Hölle. Wir erkennen: Die Kugel, die mittels goldenem Lasso zum Offenbarungseid aufgefordert ist, hält viele Wahrheiten und ebenso viele Wahlmöglichkeiten parat. Für Wonder Woman und Superman. Für dich, für mich, für uns alle.
Ich fasse zusammen: Wilfried Gerstels Bilder sind für sich ein großes anregendes Vergnügen. Belege des untrüglichen Gespürs für spannungsvolle Kompositionen, überraschende thematische Kombinationen, intelligent-witzige Kontrastprogramme. Sie sind aber auch ein Ticket für Expeditionen ins Ungewisse. Sie bieten allen, die sich darauf einlassen, hinter ihre Oberflächen zu blicken, die Chance auf höchst aufregende Entdeckungen. Die Route ist nicht festgelegt, Entscheidungen können, müssen an jeder Gabelung getroffen werden. Ins Mittelalter oder in den Weltraum? In die Welt der Comics oder der Renaissance? Ins Reich der Poesie oder in gesellschaftskritische Diskussionszirkel? In Bereiche, in denen man sich die Augen reibt: Was ist denn hier los? Besseres kann man über Kunst nicht sagen.
Walter Titz studierte Germanistik und Anglistik. Seit 1974 Kulturjournalist mit Schwerpunkt bildende Kunst und Architektur, langjähriger Redakteur der Kleinen Zeitung. Autor und Herausgeber zahlreicher Publikationen, wie “Die Neue Galerie Graz in 99 Werken”, Brandstätter Verlag 2018.


















