Gernot Waldner
Arbeiten an der Aktualität des Glücks
In der Werkreihe mit dem Titel Sprechende Zeichen setzt sich Wilfried Gerstel mit Leben und Werk von Otto Neurath (1882-1945) auseinander. Neurath begründete während der ersten demokratischen Epoche der Wiener Stadtgeschichte (1919-1934) eine Institution der Volksbildung, die sich programmatisch der Idee verschrieb, dass eine Demokratie eine informierte Bevölkerung benötige: Nur eine geteilte Grundlage empirischen Wissens erlaube einer demokratischen Gesellschaft, ein gemeinsames Glück zu bestimmen und es bestenfalls zu vermehren. Wissen, Politik und Glück verbanden sich also in dieser Institution, die sich Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum nannte. Sprechende Zeichen nähert sich diesem Komplex in zwei thematischen Gruppen an. Neun der vierzehn Arbeiten beschäftigen sich mit der Philosophie und dem Philosophen des Glücks, mit Neuraths Leben – zweimal musste er fliehen, um es zu retten – und seinem unerschütterlichen Optimismus. Fünf Arbeiten sind auf Bildstatistiken basierende Collagen und thematisieren das Verhältnis eines Individuums zu einer statistischen Menge. Gerstel ergänzte dafür die Originalgrafiken durch individuelle Figuren, Akzente und Texte, ohne seine Eingriffe zu verheimlichen. Drei Arbeiten der ersten Gruppe (Der Verfechter des Glücks, Emigrant, Wie Schiffer sind wir) wurden im Wien Museum ausgestellt, wo sie Teil der Ausstellung „Wissen für alle. ISOTYPE – die Bildsprache aus Wien“ waren. Die gesamte Werkreihe Sprechende Zeichen zeigt Gerstel auch in seinem Dachatelier in Wien-Meidling. Den unteren Teil der rußschwarzen Dachbodenwände kalkte er dafür weiß und erzeugte so ein industrielles Chiaroscuro, das die reduzierte Ästhetik der 1920er Jahre stimmig auf einen ganzen Raum erweiterte, ein beheizbarer Waschbottich aus der Gründerzeit verleiht dem Ganzen eine nahezu immersive Dimension.
Der Verfechter des Glücks (1) kann als gedankliches Zentrum von Gerstels Auseinandersetzung mit Neurath interpretiert werden. Es ist eine fast drei Meter hohe Installation, die den Volksbildner während einer Tagung zu Architektur und Stadtplanung vor griechischen Ruinen posierend zeigt. Die Größe der Installation stellt keine Übertreibung dar, sondern orientiert sich an der tatsächlichen Körpergröße Neuraths. Mehrere gemeinsam mit Schülern und Schülerinnen aufgenommene Photographien belegen, dass Neurath seine Zeitgenoss:innen um einen Kopf überragte. Für Neurath selbst war seine überdurchschnittliche Größe kein Grund zur Überheblichkeit, sondern ein Auftrag zur Hebung des Durchschnitts. Das zivilisatorische Niveau einer Gesellschaft sah er darin abgebildet, wie gut die ärmsten Teile der Bevölkerung durchschnittlich leben. Politisch galt es ihm daher, dieses Mindestmaß an materieller und kultureller Teilhabe zu erhöhen, etwa „das Wohnglück der Kleinwohnungen zu diskutieren“, wie es im fiktiven Dialog der Collage Wohnen (2) heißt. Oder mit Bildstatistiken die erkämpften Verbesserungen in den Bereichen der Bildung, der Infrastruktur und der Gesundheit darzustellen und diesen Kampf um ein größeres Glück fortzuführen. Der in der Installation zu sehende Verfechter des Glücks ist aber keine ungebrochen pathetische Figur. Die bis über den Bauch gehende Hose, die etwas niedrig sitzende Mütze und das fast schalkhafte Lächeln brechen das Pathos mit Witz und Selbstironie. Und genau diese ästhetische Spannung ist es, die Gerstel für eine künstlerische Intervention nutzt. Während Neurath im Original eine Art Stock in seiner erhobenen Hand hält, wird in der Installation eine neu entworfene Fahne seines Lebensprojektes eingefügt, er wird zum „Verfechter des Glücks“, wie vertikal zu lesen ist. Darunter ist das Symbol eines Elefanten zu sehen, welches die erwähnte Mischung aus Ernst und Witz wieder aufnimmt. Neurath signierte nämlich viele seiner Briefe, indem er sich selbst als Elefant zeichnete. Dieses selbst gewählte Symbol seines Selbst, diese Verdichtung eines großen Mannes ohne Haare mit fabelhaftem Gedächtnis zum Elefanten, basiert zweifellos auf Ähnlichkeiten zwischen dem (sprichwörtlichen) größten Landsäugetier und seiner Person, sie demonstriert aber ebenso eine gewisse Leichtigkeit im Umgang mit dem eigenen Bild: Elefant könnte man sein, um das Glück vehement zu verfechten.
Doch was war im Wien der 1920er Jahre mit „Glück“ gemeint und wie fremd oder vertraut ist uns diese Vorstellung heute? Nachdem das Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum 1930 einen Atlas veröffentlicht hatte, der aus 100 losen Einzelgrafiken zur Geschichte und Lage der Welt bestand, machte man die überraschende Erfahrung, dass die bis ins kleinste Detail durchkomponierten Grafiken für sich keinen festen Zweck der Darstellung besitzen. Einzelne Bildstatistiken können ganz unterschiedliche Zusammenhänge erhellen. Gerstels Arbeiten haben eine ähnliche Qualität. Sie erlauben uns heute über das Glück zu reflektieren, den historischen Abstand zu Neurath zu ermessen und uns größere Klarheit darüber zu verschaffen, worin heute die Suche nach einem gemeinsamen Glück bestehen könnte.
In der Arbeit Krieg (3) werden die Entbehrungen angedeutet, mit denen man Anfang der 1920er Jahre zu kämpfen hatte. Nicht nur das Leid des Krieges – „den Bruder sinken sah“ – auch die Folgen des Nahrungs- und Wohnungsmangels ruft uns diese Arbeit in Erinnerung. Das Glück der Menschheit (4), eine auf einem Gemälde von Gerd Arntz basierende Collage, macht wiederum deutlich, wie Jugend und Tätigkeit die Eudaimonie vor hundert Jahren bestimmten. Auf einer von links unten nach rechts oben reichenden Bildachse sind mehrere Bauarbeiten und viele Kinder zu sehen, es war wirtschaftlich und demographisch eine andere Welt als die unsere. Andere Probleme sind heute leider so aktuell wie zu Neuraths Zeit. In Hände (5) bringt Gerstel die internationale Dimension patriarchaler Ignoranz von Carearbeit auf den Punkt. „[J]ewischt un jenäht un jemacht und jedreht“ hatten Mütter nicht nur in Berlin, wie es in dem hinzugefügten Gedicht von Kurt Tucholsky heißt.
Auch Kritik an der von seinen Gegner:innen „Rotes Wien“ genannten Stadt bringen Gerstels Arbeiten auf den Punkt. Reisen (6) und Lernen (7) weisen etwa in Kombination darauf hin, dass der niederschwellige Zugang zur Bildung sich nicht mit sozialdemokratischen Aspirationen traf, denn die Abenteuerromane Jack Londons waren beliebter bei den Leser:innen als sozialrealistische Literatur oder sozialwissenschaftliche Studien: „Flieh Betrieb und Telefon“. Auch für das damalige Ideal der Kleinfamilie, das in einer Bildstatistik zur Eheschließung propagiert wurde, findet sich ein kritischer Heiratseinwand (8), verbalisiert in der von Marlene Dietrich gesungenen Zeile: „Ich weiß nicht zu wem ich gehöre,/ ich bin doch zu schade für einen allein“. Einige der Collagen von Wilfried Gerstel machen durch montierte Gedichte und akzentuierte Figuren deutlich, dass sich das in den Bildstatistiken visualisierte Glück nicht mit dem empfundenen Glück decken muss. Nicht nur Hochzeiten und Bahnreisen machen glücklich, auch Affären und unbekannte Länder. Die Stadtpolitik der 1920er Jahre hatte natürlich andere Prioritäten, aber selbst eine moralisch vertretbare Promiskuität hätte sie wahrscheinlich nicht gefördert. Heute gibt es wohl in keiner Großstadt eine Politik, die eine Vermehrung des gemeinsamen Glücks ähnlich in den Vordergrund stellt wie Neuraths Museum das tat. Nach rund einhundert Jahren kapitalistischer Entwicklung sind subjektive Glücksversprechen deutlich verbreiteter als kollektive. Und in ähnlicher Weise scheint sich in der Politik das Versprechen einer Bevorteilung durchzusetzen. Dass es bestimmten Personen schlechter geht als einem selbst, droht politisch wichtiger zu werden als das gemeinsame Glück.
Otto Neuraths Ideen sind nicht verloren, daran erinnern die Arbeiten Wilfried Gerstels. Seine digitale Collage mit dem Titel Emigrant (9) überblendet zwei Fotos und mit ihnen auch Vergangenheit und Gegenwart Wiens. Beide Fotos zeigen ein gründerzeitliches Haus mit einer kuppelbekrönten Fassade im fünfzehnten Bezirk. In diesem Gebäude waren die Direktionsräume des Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseums angesiedelt; 1934 mussten Otto Neurath und Teile seines Teams fliehen, ihr Leben war in Gefahr. Die Überblendung der beiden Aufnahmen des Gebäudes – eine von 1930, die andere aus dem Jahr 2025 – erzeugt zunächst eine leicht irritierende Unschärfe, Wesentliches scheint gleich geblieben zu sein. Erst die im Vordergrund stehende Platane führt durch ihre Halbtransparenz die Zeit vor Augen, die zwischen den beiden Aufnahmen liegt. Große Bäume sind gewachsen, seit Tausende das Land verlassen mussten. Im rechten unteren Eck der Collage sitzt auf einem weißen Viereck eine ebenfalls halbtransparente Männerfigur, die man geneigt ist, mit dem Titel Emigrant zu assoziieren. Ein Gedicht von Bertolt Brecht ist eingefügt: „Dies ist noch alles und ist nicht genug/ Doch sagt es euch vielleicht, ich bin noch da“. Das Haus scheint noch an der gleichen Stelle zu stehen, aber es beherbergt nicht mehr alle, die dort einmal arbeiteten. Den Verlust an Intelligenz und Kultur zu ermessen, den diese Stadt in den 1930er Jahren erfuhr, ist „vielleicht“ unmöglich, man wird sich mit Vergleichen behelfen müssen. „Dem gleich ich, der den Backstein mit sich trug/ Der Welt zu zeigen, wie sein Haus aussah.“ Gerade das Erinnern an diesen Verlust droht immer zur Gepflogenheit oder gar zur Routine zu werden und selbst wenn es einem schwer fällt, wie ein Backstein, so hat man doch nur ein Bild für das gefunden, was verloren ging. Uns bleibt, die guten Ideen hochzuhalten und mit ihnen die Gegenwart zu differenzieren. Wie Schiffer sind wir (10), wir haben nur das, was wir an Bord finden. Darum Kopf hoch, ihr Verfechter:innen des Glücks, „[d]enn wir leben –/ denn wir leben/ in einer Übergangszeit –!“ (11)
Gernot Waldner arbeitet als Literaturwissenschaftler (Post-Doc) an der Universität Wien. Er hat in Wien, Berlin und Cambridge (MA) unter anderem Germanistik und Philosophie studiert, publiziert zur österreichischen Kultur-, Literatur- und Wissenschaftsgeschichte des 18. bis 20. Jahrhunderts.
Im Mandelbaum Verlag ist das von ihm herausgegebene Buch „Die Konturen der Welt. Geschichte und Gegenwart visueller Bildung nach Otto Neurath“ erschienen. Gemeinsam mit Theo Deutinger kuratierte er im Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum die Ausstellung „Was wäre Wien“.
(1) „Der Verfechter des Glücks“, Installation, 2025; Foto, Holzstab, handbemalte Fahne,
H/B/T = 283 cm/ 215 cm/ 45 cm
(2) „Wohnen“, digitale Collage, 2025 ; Folie matt, kaschiert auf Alu-Dibond, Wandaufhängung
H/B = 90 cm/ 76 cm
(3) „Krieg“, Collage, 2025; Pigmentdruck auf Bütte, kaschiert auf Alu-Dibond, Schattenfugenrahmen, Holz schwarz, H/B = 64 cm/ 84 cm
(4) „Das Glück der Menschheit“, digitale Collage, 2025; Folie matt, kaschiert auf Alu-Dibond, Wandaufhängung; H/B = 85 cm/ 130 cm, Auflage 3+1
(5) „Hände“, Collage, 2025; Pigmentdruck auf Bütte, kaschiert auf Alu-Dibond, Schattenfugenrahmen, Holz schwarz; H/B = 64 cm / 84 cm
(6) „Reisen“, Collage, 2025; Pigmentdruck auf Bütte, kaschiert auf Alu-Dibond, Schattenfugenrahmen, Holz schwarz; H/B = 64 cm / 84 cm
(7) „Lernen“, digitale Collage, 2025; Folie matt, kaschiert auf Alu-Dibond, Wandaufhängung;
H/B = 60,5 cm / 80,5 cm, Auflage 3+1
(8) „Heiratseinwand“, Collage, 2025; Pigmentdruck auf Bütte, kaschiert auf Alu-Dibond, Schattenfugenrahmen, Holz schwarz; H/B = 64 cm / 84 cm
(9) „Emigrant“, digitale Collage, 2025; Folie matt, kaschiert auf Alu-Dibond, Wandaufhängung
H/B = 53 cm / 43 cm, Auflage 3+1
(10) „Wie Schiffer sind wir“, Foto, 2025; Folie matt, kaschiert auf Alu-Dibond, Wandaufhängung
H/B = 100 cm / 190, Auflage 3+1
(11) „Übergangszeit“, digitale Collage, 2025; Folie matt, kaschiert auf Alu-Dibond, Wandaufhängung
H/B = 50 cm / 54 cm


















